Steinzeug

„Noch ein klein Bartmanneken mit 1 Lede”

Fragmente von drei Bartmannkrügen

FO: Am Sande 13-15, Auf der Altstadt 29 u. Bei der St. Johanniskirche 19
Rheinisches Steinzeug
16. /17. Jahrhundert

Immer wieder tauchen im Lüneburger Fundgut Fragmente von reichverziertem Steinzeug auf. Besonders die Gefäße mit einer Gesichtsdarstellung sind auffällig. Diese Krüge werden als Bartmannkrüge bezeichnet. Typisch für diese Krüge ist ein bärtiges Gesicht, das auf dem Halsansatz sitzt. Wahrscheinlich handelt es sich bei diesen Gesichtern um eine Weiterentwicklung des „Wilden-Mann-Motivs”. Dieses stellt immer einen behaarten Mann mit starkem Bartwuchs dar, der als Symbol für Wildheit und unbändige Kraft gilt. Auch die Sagenfigur „Rübezahl” ist ein solcher „Wilder Mann”. Im ausgehenden Mittelalter und in der Renaissance wird das Motiv nicht nur in der Buchmalerei, sondern auch auf Tapeten, Holzschnitzereien, Glas und Architekturelementen gebraucht. Im frühen 15. Jahrhundert taucht die Darstellung eines bärtigen Gesichts erstmals auf thüringischem und sächsischem Steinzeug auf. Diese Bartmaske unterliegt, wie alle Ornamente, einem stetigen Wandel. Während sie im 15. Jahrhundert noch sehr schematisch ist, zeigt sie im nachfolgenden Jahrhundert realistische Züge. Im 17. Jahrhundert wandelt sie sich zu einer grotesken Maske. Im 19. Jahrhundert wird das Motiv wieder „ausgegraben”. Sowohl erste Grabungsfunde, als auch Überlieferungen in Sammlungen lassen die Produktion wieder anlaufen. Bis heute werden Bartmänner in den Steinzeugzentren gefertigt. Gerade im 16. Jahrhundert erfreute sich die feingliedrige Darstellung auf dem rheinischen Steinzeug einer großen Beliebtheit.
 

Bartmannkrug 1, Steinzeug Rheinische Art

Bartmannkrug, Am Sande 13-15

Aus den Grabungen der Stadtarchäologie kennen wir Fragmente von drei Gefäßen. Alle stammen aus Kloaken. So ist je ein Gefäß aus der Töpfereigrabung „Auf der Altstadt 29”, den Grabungen „Am Sande 13-15” und „Bei der St. Johanniskirche 19” bekannt. Das Fragment aus der Kloake „Bei der St. Johanniskirche 19” wurde erst im Mai 2002 geborgen. Es gehört zu einem großen Enghalskrug, der in den Jahren um 1590 in Frechen gefertigt wurde.

Bartmannkrug 3, Steinzeug Rheinische Art

Bartmannkrug, Bei der St. Johanniskirche

Etwas älter ist der Krug, der 1994 nur wenige hundert Meter entfernt auch in einer Kloake gefunden wurde. Der eckige Bart und die aufgelegten Attachen datieren ihn in die Jahre zwischen 1520 und 1550. Er wurde in Frechen oder Köln gefertigt. In die gleiche Zeit gehört ein weiterer Bartmannkrug aus der Sammlung des Museums für das Fürstentum Lüneburg. Dieser Krug wurde 1905 in der Grapengießerstraße gefunden und wird seitdem im Museum aufbewahrt. Die Verzierungen und Proportionen sind sehr ähnlich, allerdings ist dieser Krug viel sorgfältiger gefertigt, die Auflagen treten viel schärfer und deutlicher hervor.

Bartmannkrug 2, Steinzeug Rheinische Art

Bartmannkrug (Museum für das Fürstentum Lüneburg)

Von der Ausgrabung „Auf der Altstadt 29” schließlich kennen wir ein weiteres Bruchstück, hier kann man aber nur einen Zipfel des Bartes erkennen. Aufgrund der Proportionen und der recht einfachen Ornamentierung handelt es sich hier um einen Krug des 17. Jahrhunderts, wahrscheinlich aus Raeren.

Aber nicht nur in den archäologischen Quellen können wir diese Gefäße nachweisen, auch in den Haushaltsinventaren werden sie genannt. Niklaus Tzerstede, Ratmann und Patrizier, hatte 1578 mehr als elf „Bartmänner” in seinem Besitz.

Die gefundenen Bartmannkrüge zeigen dementsprechend nur einen kleinen Ausschnitt aus dem tatsächlichen Besitz der Lüneburger Bürger. Dennoch sind sie ein Zeugnis für den Wohlstand und Reichtum ihrer ehemaligen Besitzer.

Autor: Marc Kühlborn; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 85-87.
 

Literatur:
Gaimster, David: German Stoneware 1200-1900. Archaeology and Cultural History (London 1997).

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