Sonderformen

Aachenhörner

Aachenhorn 1

Abb. 1
Aachenhorn (Hansestadt Lüneburg, Gr. Bäckerstr. 26, Fundstellen-Nr. 17:2).

Im Zusammenhang mit Wallfahrten sind auch Hörner aus Keramik zu betrachten. Sie werden als „Aachen- oder Pilgerhörner” bezeichnet. Zwei Exemplare sind aus Lüneburg bekannt. Auf der Parzelle „Große Bäckerstraße 26” wurde 1990 bei Bauarbeiten das etwa 13 cm lange Fragment eines Horns aus weißer, sehr hart gebrannter Irdenware gefunden (Abb. 1). Es wird als gewundenes Horn mit vertikaler Windung anzusprechen sein. An der größeren Bruchstelle beträgt der Durchmesser ca. 4,5 cm, an der gegenüberliegenden kleineren Bruchstelle ca. 3 x 1,7 cm. Die Röhre ist hier also zu einem Oval zusammengedrückt. Auf der Innenseite dieser leichten Biegung ist eine weitere Röhre angesetzt, die vielleicht einen Durchmesser von 1,5 cm besaß. Diese kleine Röhre liegt nicht nur auf der größeren, sondern ist an diese regelrecht angarniert worden. Die Oberfläche der größeren Röhre weist deutliche Schnittspuren der Formgebung auf. Die Oberfläche der größeren und der Ansatz der kleineren Röhre sind schwarz, belegen also einen reduzierenden Brand in der letzten Brennphase im Ofen. Auch die erste Partie der größeren Röhre im Bereich des größeren Durchmessers ist an der Oberfläche schwarz. Hier befindet sich also die Mündung des Hornes.

Aachenhorn 2

Abb. 2
Aachenhorn (Hansestadt Lüneburg, Auf der Altstadt 30, Fundstellen-Nr. 46:14).

Das zweite Keramikhorn wurde in einer Kloake auf der Parzelle „Auf der Altstadt 30” gefunden (Abb. 2). Es handelt sich ebenfalls um ein gewundenes Horn aus weißer, sehr hart gebrannter Irdenware. Das stark fragmentierte Horn besaß drei Windungen mit einem inneren Durchmesser von 1 bis 2 cm. Die drei Windungen bilden einen Kreis von ca. 18 bis 20 cm. Das Mundstück mit einem Innendurchmesser von 1 cm ist als kleines Fragment erhalten. Die Oberfläche der weißen Irdenware ist mit einem Modellierholz bearbeitet, geglättet und leicht kreidig. Als Produktionsort dieser Hörner wird Langerwehe bei Köln vermutet. Zur Verwendung der Keramikhörner liegen überwiegend zwei Interpretationen vor, die miteinander verknüpft sind. Der Brauch, die Heiligtümer in einem 7-Jahres-Rhythmus zu zeigen, setzte 1349 ein. Erstmals ist für das Jahr 1442 die Verwendung von Hörnern, allerdings „aus Glogspeyß” überliefert. Im Zusammenhang mit der Wallfahrt nach Aachen 1632 werden erstmals „Heiligthums-Hörner, aus Erden gebakken” genannt. Es liegt nahe, dass man in einer Region, in der sich zahlreiche Töpferorte befanden, diese Hörner aus Ton fertigte. Die zahlreichen, immer mehr zunehmenden Funde von „Aachenhörnern” aus Keramik sprechen für eine Massenproduktion.

Aachen- oder Pilgerhörner waren nicht nur Erinnerung an und Beleg für eine Wallfahrt, sondern auch Objekte, denen eine wundertätige Wirkung zugeschrieben wurde, da sie unmittelbar mit einem verehrten Heiligen in Verbindung standen. So berichtete Johann Weyer, der Leibarzt des jülisch-clevischen Herzogs Wilhelm IV. im Jahre 1565: „... alii cornua Aquensia adversus tempestates inflant, non minori idolatriae crimine”.
 

Literatur:
Ring, Edgar, Pilger in Lüneburg. In: Sunhild Kleingärtner, Ulrich Müller, Jonathan Scheschkewitz (Hrsg.), Kulturwandel im Spannungsfeld von Tradition und Innovation. Neumünster 2013, 313-320. Download PDF (1,5 MB)

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