Keramikfunde allgemein

„...allwo das löbl.e Topffer-Handwerck ehrlich gehalten wird...”

Keramikfunde aus der Kloake der frühneuzeitlichen Töpferei „Auf der Altstadt 29” in Lüneburg

Im Jahre 1991 wurden bei der Sanierung des Hauses „Auf der Altstadt 29” Ofenkacheln, Terrakotten und Tonmodel aus dem 16. bis 18. Jahrhundert gefunden. Weitere Ausgrabungen im hinteren Bereich des Grundstücks durch die Mitarbeiter der Stadtarchäologie Lüneburg förderten eine ca. 2 m breite und über 5 m tiefe Kloake zutage. Sie war angefüllt mit ganzen Gefäßen, vielen tausend Scherben, Bruchstücken von Ofenkacheln, Pfeifenfragmenten, weiteren Keramikzeugnissen wie Murmeln oder Bodenfliesen, Tierknochen, pflanzlichen Großresten und deren Gebrauchsgegenständen. Durch Schriftquellen und eine um 1700 gefertigte Skizze, auf der die Besitzungen des Michaelisklosters verzeichnet sind, war bekannt, dass in diesem Haus spätestens seit dem 16. Jahrhundert Töpfer lebten und arbeiteten.

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  Abb. 1

Dass es sich auf dem Grundstück „Auf der Altstadt 29” tatsächlich um eine Töpferei handelte, bewiesen u.a. die zahlreichen dort gefundenen sogenannten Fehlbrände. Als Fehlbrände bezeichnet man Gefäße mit Rissen, fehlerhaften Glasuren oder Verformungen, die durch zu hohe Temperaturen im Brennofen entstehen (Abb. 1).

Auf dem Gelände wurden außerdem Arbeitsgeräte, nämlich zwei Formhölzchen gefunden, die das Glätten und Formen der Gefäße auf der Töpferscheibe erleichtern, und die deshalb genau den Rundungen der verschiedenen Randformen entsprechen. Zusätzlich fand sich typische Ofenkeramik wie Bodenfliesen des Töpferofens oder Stapelhilfen, die auf den ersten Blick Trinkgefäßen oder Blumentöpfen ähneln. Diese waren notwendig um das zu brennende Material im Ofen besser stapeln zu können. Außerdem sollten sie ein Zusammenkleben der einzelnen glasierten Stücke verhindern und für eine gleichmäßigere Durchlüftung während des Brennvorganges sorgen. Sie wurden sowohl mit der Öffnung nach oben als auch nach unten verwendet, was Abrisse am Rand und am Boden der Brennhilfen beweisen. Außerdem gab es noch eine Variante ohne Boden, eine leicht konkave Röhre. Die Stapelhilfen besitzen eine oft über 1 cm dicke Wandung. Von ihrer Stabilität hing es ab, ob der Aufbau im Inneren des Ofens hielt. Eine einzige Schwachstelle konnte die Statik zum Einsturz bringen und den gesamten Inhalt des Ofens vernichten.

Bodenfliesen mit Glasurabrissen und Standspuren geben einen Hinweis auf den einstmals dort vorhanden gewesenen Brennofen, ebenso wie die bereits erwähnten vielen Fehlbrände, die in der Kloake entsorgt wurden. Der genaue Standort des Ofens ist bisher nicht genau zu lokalisieren, aber im hinteren Bereich der Parzelle zu vermuten.

Die Tonabbaustellen werden vermutlich mit denen identisch sein, die auch die Ziegeleien zur Tongewinnung nutzten. Der Ton wurde vom Töpfer selbst durch Zugabe einer ausgewogenen Menge Sand oder Ziegelmehl gemagert und mit Wasser gemischt. Durch das Treten mit bloßen Füßen, vornehmlich die Aufgabe der Lehrjungen, wurde alles miteinander vermengt und der Ton so geschmeidig gemacht.

Neben rotem Ton fand auch gelblich-weißer Ton Verwendung. Er wurde vor allem dazu genutzt, um Stücke aus rot brennendem Ton mit einer hellen Engobe (Tonschlicker) zu überziehen und so ein weiß-beiges Gefäß vorzutäuschen. Außerdem diente er als hauptsächliche Kontrastfarbe auf der malhornverzierten Ware, auf die noch zurückzukommen sein wird. Einige wenige Gefäße bestanden ausschließlich aus weißlichem Ton.

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  Abb. 2

Ein kleiner Bereich der Töpferei widmete sich dem Glasieren von Tonpfeifen und der Herstellung von Spielzeug. Neben Miniaturgefäßen und drei Tontieren sind besonders häufig unglasierte Tonmurmeln vorhanden, die von Hand gedreht wurden und in ihrer Größe variieren (Abb. 2).

Alle Gefäße wurden auf der schnell rotierenden Töpferscheibe hergestellt, von der im speziellen Fall weder Aussehen noch Standort bekannt sind. Im Zuge der derzeit andauernden Bearbeitung dieses Fundkomplexes wurde ein Teil der Gefäße inzwischen zusammengesetzt und gezeichnet.

Neben Tellern und Schüsseln aus grauer Irdenware, die vermutlich aus dem 15. oder 16. Jahrhundert stammen, und dem Oberteil einer mittelalterlichen Kanne aus dem 13./14. Jahrhundert, fanden sich besonders Töpfe und Stielgrapen aus roter Irdenware, die innen mit einer Bleiglasur versehen sind. Dabei überwiegen braune und grüne Farbtöne.

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  Abb. 3

Stielgrapen (Dreibeintöpfe mit einem Rohrgriff) stellen die Hauptmasse der Produktion (Abb. 3).
Es handelt sich dabei um den Kochtopf der frühen Neuzeit. Dass er tatsächlich ins offene Herdfeuer gestellt wurde, zeigen Rußspuren auf der dem Stiel abgewandten Seite. Der Grapen war bereits seit dem Mittelalter geläufig, hatte allerdings zunächst zwei runde Henkel. Die Gestaltung der Stielenden variierte; bisher sind mehr als 40 verschiedene Grifftypen aufgetreten, die sich zeitlich aber nur grob einordnen lassen.

Auf zeitgenössischen Stillleben oder anderen Bildquellen konnte bisher die Darstellung eines typischen „Lüneburger” Stielgrapens mit langen, geraden Beinen nicht entdeckt werden. Häufiger sieht man „holländische” Stielgrapen mit kurzen Fußlappen oder Henkelgrapen aus Metall.

Zu einem Kochgefäß gehört natürlich auch ein Deckel. Unter den gefundenen Stücken lassen sich zwei Sorten von Deckeln unterscheiden. Flachdeckel entstanden, indem ein Tonklumpen ausgewalzt und ausgeschnitten wurde und in der Mitte einen Knauf bekam. Hohle Deckel wurden mittels einer Töpferscheibe auf dem Knauf stehend (also „verkehrt herum”) hergestellt. An den Flachdeckeln finden sich ebenfalls häufig Rußspuren, die sich an den über den Topfrand hinausreichenden Rändern der Deckel niederschlugen.

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  Abb. 4

Darüber hinaus sind als weitere Koch- und Bratgefäße mehrere Dreibeinpfannen (Abb. 4), ein „Lüneburger Schweinetopf” und ein Fettfänger zu nennen (Abb. 5).

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  Abb. 5

Das letztgenannte Gefäß diente dazu, herabtropfendes Fett von Fleischstücken aufzufangen, die über dem offenen Feuer gebraten wurden. Es konnte so nicht ins Feuer tropfen, und gleichzeitig war Fett zum regelmäßigen Begießen des Fleisches zur Hand. Die Pfannen dienten vor allem der Zubereitung der beliebten Eierspeisen, die von Pfannkuchen über Spiegel- bis zum Rührei reichten.

Abbildung 6Abbildung 6
  Abb. 6

Eine wichtige und vielgestaltige Formengruppe stellen die Schalen dar. Sie variieren in der Form und in der Anzahl und Ausgestaltung der Henkel und Griffe. Am häufigsten treten dabei Gefäße mit einem einziehenden gerieften Rand auf, die zwei gegenständige Bandhenkel besitzen. Unter den Schalen finden sich vielfach engobierte Stücke. Interessant sind ferner einige Schüsseln, die statt des zweiten Henkels einen sog. „Palmettengriff” haben (Abb. 6). Hier wurden offenbar importierte Fayencegefäße als Vorlage verwendet.

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  Abb. 7

Auch Henkeltöpfe wurden reichlich produziert (Abb. 7). Es handelt sich dabei um Flachbodengefäße mit einem vertikalen Bandhenkel. Ihre genaue Funktion ist nicht zu bestimmen, da sie sich fast überall im Haushalt einsetzen lassen. Neben der Aufbewahrung von Speisen, als Tafel- oder Küchengeschirr, ist auch eine Verwendung als Nachttopf nicht auszuschließen.

Abbildung 8Abbildung 8
  Abb. 8

Eine ganz ähnliche Form besitzen die sog. Gluttöpfe, die als transportable Wärmequellen, Glutbehältnisse oder vielleicht auch als Pfeifenanzünder dienten (Abb. 8).

Sie sind stets unglasiert. Auffällig sind hierbei die in mehr oder weniger regelmäßigem Abstand durch die Wandung gestoßenen, ca. 0,5 cm großen, zumeist runden Löcher. Auf den ersten Blick könnte man an Siebgefäße denken. Jedoch sind die Löcher auf der Innenseite selten sauber verstrichen und reichen meist nur bis zur Hälfte der Wandung. Auch ist der Standboden in keinem Fall gelocht.

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  Abb. 9

Bei unglasierten Gefäßen, die im Boden ein bis drei Öffnungen besitzen, handelt es sich um Blumentöpfe. Neben einfachen konischen Formen, die den heutigen (gepressten) Pflanzgefäßen ähneln, gibt es besonders schöne „barocke” Stücke mit geschwungenen Henkeln, die in einer Schnecke enden. Als weitere Gartenkeramik ist eine Gießkanne zu nennen (Abb. 9).

Es handelt sich dabei um einen Gießheber. Dazu wurde der Standboden einer bauchigen Flasche mit engem Hals mit vielen Löchern versehen. Stellt man das Gefäß nun in ein Wasserbassin, dringt das Wasser von unten in die Flasche. Danach verschließt man die Halsöffnung (am besten mit dem breiten Daumen) und zieht die Flasche aus dem Wasser. Durch den Unterdruck bleibt das Wasser im Gefäß. Wird die obere Öffnung wieder freigegeben, schießt das Wasser aufgrund der Schwerkraft durch die Löcher im Boden. So können beispielsweise Pflanzen zielgenau gegossen werden.

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  Abb. 10

Besondere Aufmerksamkeit ist den zahlreichen malhornverzierten Gefäßen zu schenken (Abb. 10). Es handelt sich dabei meist um flache Formen wie Teller und Schüsseln, die mit beigem Tonschlicker und/oder einer grünen Zierglasur bemalt wurden, die aus einem Kuhhorn mit abgeschnittener Spitze oder einem speziellen Gefäß, dem Malhorn, fließt.

Zur besseren Linienführung wurde in die Öffnung meist ein Federkiel eingesetzt. Inzwischen konnte auch einer der selten vorkommenden Krüge identifiziert werden. Besonders seit dem späten 17. Jahrhundert finden sich zudem auf der Außenseite verzierte Stielgrapen und Bügeltöpfe. Malhornware ist durch die sog. „Werra-” und „Weserware” aus Südniedersachsen bekannt.

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  Abb. 11

Bei den Gefäßen in Lüneburg handelt es sich nicht um Importe, sondern um einheimische Produkte, die die Töpfer aus der „Altstadt 29” selbst herstellten. Allerdings weisen die verwendeten Motive, neben geometrischen Mustern vor allem stilisierte Blüten, Blätter und Tiere, daraufhin, dass sie sich an den Verzierungen aus dem südniedersächsischen Raum orientieren (Abb. 11).

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  Abb. 12

Die Verzierung ist sehr variantenreich. Selten sind zwei Gefäße tatsächlich identisch bemalt worden. Die einzelnen Musterelemente werden in immer neuen Kombinationen verwendet (Abb. 12). Im 18. Jahrhundert wurden auch Teller mit Federblattdekor hergestellt.

Der letzte Töpfer August Zimmermann verkaufte am 4. März 1788 für 126 M das Haus „Auf der Altstadt 20” an Wilhelm Urban Störbeck. Damit endete eine fast 300-jährige Handwerkstradition in diesem Gebäude.

P.S. Das Zitat im Titel ist den „Bestimmungen zur Übernahme der Lehrjungen vom Lande” aus dem Jahre 1687 entnommen, die neben anderen ein Christian Wägner als „Mitt-Meißter” unterzeichnet hatte. Christian Wägner war von 1685 bis 1718 (?) im Haus „Auf der Altstadt 29” als Töpfermeister tätig.

Autorin: Karola Kröll; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2000, 59-64.
 

Literatur:

Laux, Friedrich: Holzgeschirr und Holzgerät aus Lüneburger Schwindgruben, Zeitschrift für Archäologie des Mittelalters 10, 1982, 85-100.

Ton Steine Scherben. Ausgegraben und erforscht in der Lüneburger Altstadt, hrsg.v. Frank Andraschko u.a.. Lüneburg 1996.
 

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