Zum Handel mit Keramik

Keramik aus Portugal und Spanien in Lüneburg

In Lüneburg finden sich immer wieder Keramiken, die auf weitreichende Handelsbeziehungen schließen lassen. Dazu gehören auch Keramiken, die auf der iberischen Halbinsel gefertigt wurden.

Bereits im ausgehenden Mittelalter erreichte eine reich verzierte Keramik die norddeutschen Gebiete. Diese Ware kennzeichnete sich durch eine deckend weiße zinnhaltige Glasur, die ihr ein porzellanähnliches Aussehen verleiht. Ursprünglich fertigten maurische Töpfer diese Keramik in Spanien, über Mallorca erreichte sie Mitteleuropa. Aufgrund dieses Handelswegs nannte man diese Keramik Majolika. Gerade in Norditalien wurde sie nachgeahmt und weiterentwickelt. Die Produktion aus der Stadt Faenza wurde dann namengebend, die Keramik wurde nun als Fayence bezeichnet. Technisch unterscheiden sich die beiden Warenarten nicht voneinander, es handelt sich um einen porösen Scherben, der der Irdenware entspricht. Von dieser unterscheidet sie sich nur durch die deckend weiße zinnhaltige Glasur. Italienische Töpfer brachten die Fayenceproduktion zu Beginn des 16. Jahrhunderts in die südlichen Niederlande. In Antwerpen entwickelte sich wiederum ein eigener Stil, der im Lauf der Zeit natürlich Veränderungen unterworfen war. Parallel zu dem Beginn des Prozellanhandels mit China im frühen 17. Jahrhundert begann man auch in der Gegend um Delft und Maccum mit der Produktion von Fayence. Bis in das 19. Jahrhundert hinein entstanden überall in Europa Fayencemanufakturen. Erst das im 18. Jahrhundert entwickelte Steingut verdrängte nach und nach die Fayence.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts entstand in Portugal ein eigener Stil von Formen und Dekoren. Die in Lissabon angesiedelten Werkstätten produzierten zwischen 1620 und 1670 zahlreiche Keramiken, die in die anderen europäischen Regionen exportiert wurden. Diese Blüte steht vermutlich in einem direkten Zusammenhang mit dem Niedergang der chinesischen Porzellanproduktion in dieser Zeit. China befand sich in einer kritischen Situation, die mit Bürgerkriegen einher ging und die Porzellanproduktion zum Erliegen brachte.

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts trafen in Portugal und Spanien mehrere Faktoren aufeinander, die den Export von Fayencen begünstigten. Zum einen kam es zu einer Wirtschaftskrise, in deren Folge die Produzenten neue Absatzmärkte suchten, zum anderen wuchs die religiöse Intoleranz, was 1609 zur Ausweisung der mohammedanischen Bevölkerung und zur verstärkten Abwanderung jüdischer Kaufleute führte. Hamburg war zu diesem Zeitpunkt einer der wichtigsten Handelspartner Lissabons. Bereits seit 1590 sind in Hamburg portugiesische Händler nachweisbar. Ein Teil von ihnen bekannte sich nach einiger Zeit zum jüdischen Glauben und führte hebräische Namen. Erst danach kam es auch in Hamburg zu Restriktionen gegenüber dieser Bevölkerungsgruppe. Über diese sefardischen Juden gelangten die uns überlieferten Stücke der portugiesischen Fayence nach Norddeutschland. Im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg sind 63 Gefäße dieser Warenart erhalten. Darunter befindet sich eines, welches ursprünglich für die Lüneburger Patrizierfamilie von Laffert angefertigt wurde. Dieser Enghalskrug zeigt das Familienwappen sowie die Initalien „LL”, was als „Ludolf Laffert„ zu interpretieren ist.

Aber auch die Lüneburger Haushaltsinventare geben uns Auskunft über den Gebrauch dieser Ware, so verzeichnet das Inventar der Anna Clara von Dassel aus dem Jahr 1656 mehrere Gefäße der portugiesischen Fayence unter der Rubrik „Krüge mit silbernen Dekkeln”:

„2 blaue spanische Krüge mit Töbings und Daßels Wapen
2 weiße spanische Birnkrüge mit diesen Buchstaben W. G. W. und A. C. V. D. 1647
1 klein weiß spanisch Krüglein mit einem Wapen wobei C. W. V. N”

Die Buchstabenkombination „A. C. V. D.” lässt sich als Anna Clara von Dassel erklären, die Bedeutungen der anderen Buchstaben erschließen sich nicht. Zumindest der letzte Krug scheint nicht für eine Lüneburger Familie bestimmt gewesen, da die Chronisten sonst den Namen der Familie genannt hätten.

Anscheinend wurde der Begriff „Spanische Ware” für Fayence prägend, bis in das späte 18. Jahrhundert hinein taucht dieser Begriff immer wieder in den Haushaltsinventaren auf, z.T. wird er sogar als Rubriküberschrift gebraucht. Dieses Phänomen findet sich auch in Hamburg und Bremen, auch dort wurde Fayence als „Spanische Ware” bezeichnet.

Bis vor drei Jahren fehlte der archäologische Nachweis dieser Fayence in Lüneburg. Bei der Ausgrabung zweier Kloaken auf den Grundstücken Baumstraße /Im Wendischen Dorfe kamen Scherben mit der charakteristischen Bemalung zu Tage. Diese Fragmente ließen sich zu einem fast vollständigen, gut 36 cm hohen bauchigen Enghalskrug zusammensetzen. Danach konnten außerdem zwei weitere Gefäße aus Portugiesischer Fayence in der Sammlung des Museums für das Fürstentum Lüneburg identifiziert werden.
siehe: Enghalskrug und Henkeltopf.

Aber nicht nur Gefäße des gehobenen Gutes erreichten die Salzstadt, sondern auch einfache Gefäßkeramik gelangte in der frühen Neuzeit nach Lüneburg. Hier fallen zwei Gefäße ins Auge, die zunächst wie Keramik der ur- und frühgeschichtlichen Perioden anmuten.
siehe: Zwei Olivenamphoren.

Fazit

Lüneburg war in der frühen Neuzeit fest in den europäischen Fernhandel integriert. Dies belegen die zahlreichen Importfunde aus dem gesamten Stadtgebiet. Auch in der frühen Neuzeit war die Wirtschaft globalen Prozessen unterworfen. Ohne den durch das chinesische Importporzellan geschaffenen Markt und den zeitweisen Wegfall der Produktion, wäre die Geschichte der Fayenceproduktion sicher anders verlaufen. Bemerkenswert ist die Tatsache, dass es sich bei den portugiesischen Fayencen hauptsächlich um Auftragsarbeiten handelt. Der logistische Aufwand ist hierbei enorm, musste doch der Auftrag per Schiff nach Portugal gesendet und dort ausgeführt werden. Anschließend gelangte die Keramik wieder per Schiff nach Hamburg, von wo sie nach Lüneburg gebracht wurde. In einer Zeit, die durch den 30jährigen Krieg geprägt war und in der es noch kein internationales Postwesen gab, muss dieser Aufwand um so höher gewertet werden.

Während im Fall der portugiesischen Fayence das Gefäß im Vordergrund steht, ist im Fall der Amphoren der Inhalt von Bedeutung. Egal, ob darin eine Flüssigkeit oder feste Ware transportiert wurde, der Inhalt wird hier als Luxusware gegolten und nur einer kleinen Oberschicht zur Verfügung gestanden haben. Über den Gebrauch von damals exotischen Lebensmitteln wie z.B. Rosinen berichten uns gleichfalls Haushaltsinventare. So führt das Nachlassinventar des Niclaus Tzerstede aus dem Jahr 1578 „Pütte” und „Tunneken” (Pötte und Tönnchen) mit „Eingemachte Nüssen, Corinthen, Schnegken und Peiomenten” (Piment) auf. Ebenso haben wir aus Kloakenmaterial den botanischen Nachweis für Feigen, Maulbeeren, Pfeffer, Reis und Weinbeeren (Rosinen). Dies sind alles Importgüter, die durchaus in den eben beschriebenen Gefäßen nach Lüneburg gelangt sein könnten.

Autor: Marc Kühlborn; in: Aufrisse, Jahresheft des Arbeitskreises Lüneburger Altstadt e.V. Nr. 17, 2001.
 

Literatur:
Bauche 1996: Ulrich Bauche, Lissabon - Hamburg. Fayenceimport für den Norden. [Katalog Ausstellung Hamburg 1996], Hamburg 1996.

Kühlborn 1999: Marc Kühlborn, Ein Papageu im blechern Bauer. Haushaltsinventare des 17. und 18. Jahrhunderts und ihre Aussagekraft zu Hausrat und Hausstruktur; in: Archäologie und Bauforschung in Lüneburg 4, 1999, 73-108.

Stilke 1994: Henning Stilke, Eine iberische Olivenamphore aus Emden; in: Archäologische Mitteilungen aus Nordwestdeutschland 17, 1994, 61-70.

Wiethold 2000: Julian Wiethold, So nym witten ingever, muschatenblomen, paradiseskorne unde neghelken unde stod tosammende..... Der archäologische Nachweis von Gewürzen im frühneuzeitlichen Lüneburg; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2, 2000, 29-36.

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