Glas: Stangengläser

Achtkantglas

Deutschland, um 1600
FO: Lüneburg, Baumstraße 17 (Kloake)
H 35 cm; Ø Fuß 10 cm; Ø Lippe 5,1 cm
Blaugrünes Glas, blaue Auflagen. Stellenweise getrübt.
 

Das achteckige (in seltenen Fällen auch sechs-, sieben- oder neuneckige) Stangenglas ist in der Regel aus grünem bis gelbgrünem Glas, der Fuß wird durch das Hochstechen der Glasblase gebildet und hat daher einen hohlen Rand. Die Lippe ist gerade und unterschiedlich stark verdickt. Als Dekor kommen auf fast allen Glasgefäßen aufgelegte und gekerbte Fäden in der gleichen oder in einer kontrastierenden Glasfarbe, dann zumeist Blau, vor. Ein schönes Beispiel hierfür liegt aus einer Kloake in der Baumstraße 17 vor, das 1998 geborgen werden konnte. Bei diesem Glas wurden im mittleren Bereich des Gefäßes zuoberst breite und im unteren Bereich sehr schmale blaue Fäden aufgelegt. Im noch warmen Zustand sind die Fäden mit einem zahnradähnlichen Gerät überrollt worden. Für Gläser mit solchem Dekor wird eine Datierung in das späte 16. oder frühe 17. Jahrhundert erwogen; gleiches ist ebenso für das Lüneburger Stück anzunehmen. Neben den glatten Achtkantstangen gibt es auch Varianten mit optisch geblasenen Vertikal- oder Schrägrippen. Diese Formen wurden oftmals ebenso wie die glatten Exemplare mit aufgelegten Fäden verziert.
 

Achtkantglas mit Fadenauflage

Achtkantglas mit Fadenauflage.
rechts: Cornelis Cruys, Stillleben mit Stangenglas und Tulpe (Detail), nach 1640.
 

Eckige Stangengläser waren im 16. Jahrhundert parallel zu runden Stangen- und Keulengläsern in Gebrauch, lebten aber länger als diese fort. Sie waren der vorherrschende Trinkglastypus des 16. und 17. Jahrhunderts im gesamten kontinentalen Nordwesteuropa. In Nordeuropa findet sich dieser Typus bis nach Schweden. Die häufigste Variante ist das achteckige Stangenglas, dessen rundes Oberteil im noch warmen Zustand mit einem achteckigen Tonmodel aufgetrieben wurde. Die frühesten Achtkantstangen datieren in das 16. Jahrhundert, wie die Stücke aus archäologischen Fundkomplexen dieser Zeitstellung vor allem aus Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Hessen und Thüringen belegen. In den Niederlanden sind Nachweise von Stangengläsern aus dem 16. Jahrhundert selten, sie datieren hier fast durchweg in das 17. Jahrhundert . Die Produktionsorte dieser Glasgefäße sind aufgrund der gläsernen Überreste und vielfach durch die zu ihrer Herstellung benötigten sternförmigen Model bekannt. So liegen Hinweise aus den jütländischen Glashütten Rye, Stenhule und Hyttekær, weiterhin aus Volsbach und Friedrichsrode in Thüringen vor. An heimischen Glashütten sind die Hütten des Solling, des Ith, des Hils und der Egge im südlichen Niedersachsen sowie Betriebe aus dem Kaufunger Wald in Nordhessen zu nennen. Das Lüneburger Exemplar dürfte einer niedersächsischen Glashütte zuzuweisen sein.

Achtkantstangen sind am häufigsten im 17. Jahrhundert in Gebrauch gewesen. Das belegen, neben archäologischen Befunden, eine Vielzahl von Darstellungen vor allem auf niederländischen Gemälden, die zugleich deutlich machen, dass dieser Typ als Bierglas benutzt wurde.

Autor: Peter Steppuhn; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 62-64.
 

Literatur:
Henkes, Harold E.: Glas zonder glanz. Vijf eeuwen gebruiksglas uit de bodem van de Lage Landen 1300-1800. Rotterdam Papers 9 (Den Haag 1994), bes. 157-161.

Steppuhn, Peter: Glasfunde des 11. bis 17. Jahrhunderts aus Schleswig. Ausgrabungen in Schleswig. Berichte und Studien 16 (Neumünster 2002).

Theuerkauff-Liederwald, Anna-Elisabeth: Das achteckige Stangenglas. Zur Frage der erhaltenen Gebrauchsgläser des 17. Jahrhunderts in den Niederlanden. In: Margrit Lisner und Rüdiger Becksmann (Hrsg.), Kunstgeschichtliche Studien für Kurt Bauch zum 70. Geburtstag von seinen Schülern (München, Berlin 1967) 223-232.

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