Glas: Keulengläser

Ein Keulenglas mit Nuppen

Böhmen, um 1400
FO: Lüneburg, Salzbrückerstraße 18 (Kloake)
H max. 19,5 cm; Ø max. 8,7 cm; Gd. 1,0 mm
Hellgrünes Glas. Stark hellbraun korrodiert. Geklebt.
 

Das böhmische Stangenglas ist mit kleinen, z.T. schneckenhausförmig abgedrehten Nuppen und einem Halsfaden verziert. Das weitgehend entfärbte Waldglas ist optisch mit breiten, senkrechten Riefen geblasen. Seine Fußscheibe ist abgekniffen.
 

Stangenglas mit Nuppen aus Böhmen

Aus einer Vielzahl durch Korrosion angegriffener Scherben ließ sich dieses hervorragende Beispiel eines Stangenglases aufwändig rekonstruieren. Mit seiner an die gotische Stilistik angepaßten Verzierung gehört es zu den charakteristischen Trinkgefäßen des späten Mittelalters. Ursprünglich wohl aus Syrien und Palästina stammend wurde diese Form - vielleicht durch rückkehrende Kreuzritter vermittelt - Ende des 13. Jahrhunderts in Europa bekannt. Die Produktion der bis 45 cm hohen, mit zahlreichen kleinen Nuppen versehenen Gläser scheint in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts und in der 1. Hälfte des 15. Jahrhunderts eine Spezialität böhmischer Hütten gewesen zu sein. Diese böhmischen Stangengläser wurden bis nach Norddeutschland und Skandinavien verhandelt. Mit ihrer fast farblosen Glasmasse unterscheiden sie sich von den in mittel- und norddeutschen Glashütten gefertigten Stangengläsern des 15. Jahrhunderts aus grünlichem Waldglas.

Ursprünglich gelang es wohl nur den Venezianern, ein wirklich farbloses Glas, das sogenannte Cristallo, herzustellen. Um ähnlich qualitätvolle Gläser zu erzeugen, versuchten die Glashütten nördlich der Alpen schon im 13. Jahrhundert, die grüne Grundfärbung des Waldglases zu beseitigen. Trotzdem blieb auch nach Zugabe von Mangandioxid, der sogenannten Glasmacherseife, fast immer ein Grünstich zurück.

Ein besonderes Merkmal unseres Stangenglases stellt seine breit geriefte Wandung dar. Diese wellige Oberfläche entstand durch das Einblasen der glühenden Glasblase in eine gemusterte Hohlform. Nach dem Herausnehmen der nun ebenfalls gemusterten Glasblase wurde sie erneut aufgeblasen, so dass die Muster nur noch durch die Lichtbrechung in der Gefäßwandung zu erkennen sind. Das derart „optisch geblasene” Gefäß wurde nun mit einer Vielzahl kleiner Nuppen und dem plastisch umlaufenden Halsfaden verziert.

Besonders erwähnenswert ist der Ansatz der wohl nach einer Beschädigung sorgfältig abgekniffenen Fußscheibe. So blieb das Gefäß standfähig und, wie frühneuzeitliche Stilleben zeigen, weiterhin als Bierglas verwendbar.

Autor: Joachim Stark; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 36-37.
 

Literatur:
Baumgartner, Erwin u. Ingeborg Krueger: Phönix aus der Asche. Glas des Mittelalters, München 1988.

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