Glas: Schenkgefäße

Glaskännchen, grün

Deutschland, um 1600
FO: Lüneburg, Große Bäckerstraße 27 (Kloake)
H 12,8 cm; Ø Fußring 5,5 cm; Ø Lippe 3,0 cm
Hellgrünes Glas. Teilweise getrübt und irisiert.
 

Glückliche Fundumstände bescherten uns aus einer Kloake in der Großen Bäckerstraße dieses nahezu vollkommen erhaltene Glaskännchen (lediglich ein kleiner Teil der Fadenauflage ist abgeplatzt). Das anmutige Gefäß steht mit seinem bauchigen Körper auf einem elffach gesponnenen Fuß, der, am Boden ansetzend, durch spiraliges Aufwickeln eines Glasfadens hergestellt wurde. Nachdem im oberen Teil des Gefäßbauches und am Hals dünne plastische Fadenauflagen als Dekor aufgelegt worden waren, wurde auf diese eine Handhabe in Form eines geschwungenen Henkels mit Daumenruhe angebracht. Die leicht geweitete Mündung ist absolut rund und da kein Ausguss ausgezogen ist, lässt sich annehmen, dass das Kännchen mit einem Stopfen verschlossen war. Das wiederum führt zu dem Schluss, dass sich ehemals eine hochprozentige Spirituose in dem Gefäß befunden hat, die der vornehmen Tafelrunde nach einem üppigen Essen als Digestif ausgeschenkt wurde.
 

Glaskännchen

Auch wenn das Kännchen aus einfachem Waldglas besteht, keinen farbigen Dekor besitzt und relativ schnell hergestellt worden sein dürfte, so ist es doch ein eher selten anzutreffendes Stück, dazu noch in dieser sehr guten Erhaltung. Die Glasfarbe und der gewickelte Fuß weisen darauf hin, dass wir es hier mit dem Erzeugnis einer deutschen, vermutlich niedersächsischen Glashütte zu tun haben. Der mehrfach gesponnene Fuß findet sich ebenso an anderen Glasgefäßen, wie an Bechern, vor allem aber an frühen Römern, den Berkemeiern wieder, die ebenfalls in die Zeit vom Ende des 16. bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts datieren.

Gläserne Schenkgefäße sind seit römischer Zeit bekannt. Im Mittelalter wurden sie nördlich der Alpen seit dem Ende des 13. Jahrhunderts u. a. in den Argonnen und später auch in süd- und mitteldeutschen Glashütten hergestellt. Im Verlauf archäologischer Ausgrabungen sind Kannen und Krüge vor allem aus solchen Fundkomplexen bekannt, die ehemals sozial höher stehenden Personenkreisen, wie Adligen, Klerikern und dem gehobenen Bürgertum, zuzurechnen sind. Auch auf zeitgenössischen Gemälden des ausgehenden Mittelalters finden sich Glaskannen vornehmlich auf den Tischen vornehmer Gesellschaften oder in biblischen Szenen, zum Beispiel beim Engelskonzert auf dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald (1515).

Autor: Peter Steppuhn; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 26-27.
 

Literatur:
Baumgartner, Erwin u. Ingeborg Krueger: Phönix aus Sand und Asche. Glas des Mittelalters. (München 1988) 327-328.

Dexel, Thomas: Gebrauchsglas. Gläser des Alltags vom Spätmittelalter bis zum beginnenden 20. Jahrhundert (München³ 1995), 87-93.

Henkes, Harold E.: Glas zonder glanz. Vijf eeuwen gebruiksglas uit de bodem van de Lage Landen 1300-1800; in: Rotterdam Papers 9 (Den Haag 1994), 223-230.

Rademacher, Franz: Die deutschen Gläser des Mittelalters (Berlin 1933), 73-74.

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