Glas: Medizin und Alchemie

Bindegefäße und Schröpfglas

Der Werkstoff Glas hatte (und hat) gerade für den medizinisch-alchemistischen Bereich große Vorteile. Glas ist hygienisch, leicht zu reinigen, säurefest und einsehbar; außerdem ist Glas im Verarbeitungszustand so gut formbar, dass es den Erfordernissen an Form und Funktion individuell anpassbar ist.

Wie gut sich Gläser zum Aufbewahren und Konservieren eignen, zeigt ein Zufallsfund aus dem Lüneburger Rathaus. In neun kleine Flaschen abgefüllte „Destillate” und „trockene Rückstände” für die Bierherstellung standen gut 180 Jahre unversehrt in einem Wandschrank.
 

9 Kleine Flaschen mit Bier-„Destillaten” und „Rückständen”

Norddeutschland, um 1820
FO: Lüneburg, Rathaus, Alte Kanzlei
5 zylindrische Fläschchen: H 10,1-10,5 cm; Ø max. 4,3-4,6 cm; Ø Lippe 2,7-3,4 cm
4 bauchige Fläschchen: H 6,1-7,4 cm; Ø max. 3,7-3,9 cm; Ø Lippe 1,9-2,4 cm
Hellgrünes und hellgelbgrünes Glas. Zum Teil leicht getrübt. Korken. Papier.
 

9 Kleine Flaschen

Zylindrische Fläschchen: hochgestochene Böden. Schmalzylindrische Wandung. Kurzer Hals. Waagerecht ausbiegende und leicht geweitete Lippe. 4 Flaschen noch zu einem bis zwei Dritteln mit Originalinhalt (teils klar, teils trübe), 1 Flasche ausgetrocknet. Bauchige Fläschchen: angesetzte massive Standfläche und leicht hochgestochene Böden. Kugelige bis birnförmige Wandung. Gestreckter Hals. Waagerecht ausbiegende Lippe, zum Teil mit angesetztem Lippenrand. Alle Fläschchen mit Resten des Originalinhalts von jetzt schwarzbrauner zäher Konsistenz.

Die kleinen Flaschen standen über lange Zeit in einem Wandschrank in der ehemaligen Kanzlei des Lüneburger Rathauses und wurden durch Zufall bei Aufräumarbeiten entdeckt. Alle Fläschchen sind jeweils mit einem schmalen Korken (Ø 11-14 mm) sowie einem darüber gelegten Stück Papier und einem Bindfaden unterhalb der Lippe verschlossen. An jedem Flaschenhals befindet sich ein fahnenartig angebundenes Stück Papier, das den Inhalt und dessen Konzentration beschreibt. Unterhalb einer fortlaufenden Nummerierung (zylindrische Flaschen: Nro 1, 2, 3, 4, 8; bauchige Fläschchen: Nro 1, 2, 4, 6) steht eine Mengenangabe und die Art der Füllung. Die größeren Flaschen dienten zur Aufbewahrung von Destillaten, z. B. „1500 gr. Destillat von 2000 gr. Ale -6 %” oder „1200 gr. Destillat von 2000 gr. Porter -6 1/4 % -”. Die kleineren Fläschchen waren mit höher konzentrierten Rückständen gefüllt, z. B. „130 gr. trockenen Rückstand von 2000 gr. Ale” oder „120 gr. trockenen Rückstand von 2000 gr. Braunbier von Bostelmann”. Die kleinen Mengen von Extrakten, die sich in den Fläschchen befanden, standen weniger im Zusammenhang einer Brauerei (dort wurden viel größere Mengen benötigt), sondern eher eines pharmazeutischen Betriebes oder Labors, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts oft mit einer Apotheke verbunden war. Damals wie heute arbeitete man gerne mit konzentrierten Flüssigkeiten; sie hatten den Vorteil, dass nur verhältnismäßig kleine Mengen zu bevorratet werden brauchten.
 

4 Kleine Bindegefäße

Deutschland, 16./17. Jh.
FO: Lüneburg, verschiedene Fundstellen
H 3,7-6,4 cm; Ø 2,6-3,7 cm; Gd. Lippe 1,5-2,2 mm
Hellgrünes und gelbgrünes Glas. Teilweise verwittert.
 

Kleine Bindegefäße

Hochgestochene Böden. Zylindrische Wandung. Kurzer Hals. Annähernd waagerecht ausbiegende und leicht geweitete Lippe.
 

Weitmündige Glasgefäße kommen sowohl in kleinen als auch in großen Ausführungen vor und dienten zur Aufbewahrung von pharmazeutischen Produkten, wurden aber sicherlich auch in Privathaushalten zum Verwahren von Lebensmitteln, Eingelegtem, Kräutern und Gewürzen benutzt. Durch das Ausbiegen der Randlippe entstand eine Bindefalte, die das feste Verschließen des Glases mit gewachstem Papier, Tuch oder Leder und einem Faden ermöglichte. Solche Gläser sind seit etwa 1500 häufig in Gebrauch und finden sich in Glaskomplexen bis zum 19. Jahrhundert. Die hier zusammengestellten Bindegläser stammen sämtlich aus bürgerlichen Milieus und dürften als Salbentöpfe Verwendung gefunden haben. Vermutlich sind die sehr schlichten Gefäße von nicht weit entfernten Glashütten in die Salzstadt gekommen. Da in den Glasbetrieben des Hils solche Gläser in größeren Mengen hergestellt wurden, ist es sehr wahrscheinlich, dass auch die Lüneburger Exemplare aus dem südlichen Niedersachsen stammen.
 

Schröpfglas

Deutschland, 16./17. Jh.
FO: Lüneburg, Rathaus, Gerichtslaube Westwand (Kloake)
H max. 4,4 cm; Ø Boden 4,0 cm; Ø Lippe 3,4 cm; Gd. 0,7 mm; Gd. Lippe 2,9 mm
Hellgrünes, blasiges Glas. Gesprungen und geklebt.
 

Schröpfglas

Nach außen gewölbter Boden mit Abriss vom Hefteisen. Glatte, sich nach oben verjüngende Wandung. Nach innen umgeschlagener und dadurch verdickter Rand.
 

Die Verwendung von Schröpfköpfen ist bereits seit der Antike überliefert. Zur besseren Durchblutung wurde beim Schröpfen über einen kleinen Hautritz ein erwärmtes Schröpfgefäß gesetzt, dass sich festsaugte und das Blut auszog. Schröpfköpfe sind aus Metall, Keramik, Bein, Horn und Glas bekannt und haben ihre Gestalt, die ausschließlich funktionsbedingt ist, über Jahrhunderte beibehalten. Wie ähnlich in der Form die Schröpfgläser über einen langen Zeitraum geblieben sind, zeigt gerade das Lüneburger Exemplar. Es gibt nämlich zu diesem ein äußerlich absolut identisches Stück aus dem römischen Worms, das zu einem Fundkomplex des 4. Jahrhunderts gehört. Das geringe Innnenvolumen der Schröpfgläser prädestinierte diese geradezu auch für eine Verwendung als Reliquienbehälter bis ins 19. Jahrhundert hinein, wie einige Beispiele aus entsprechenden Fundzusammenhängen belegen. Wie bei den kleinen Fläschchen sind ebenso gläserne Schröpfköpfe als einzelnes Objekt schwer zu datieren, da die Funktion über Jahrhunderte die Form vorgab.

 
Autor: Peter Steppuhn; in: Glaskultur in Niedersachsen, 2003, 14 u. 171-175 (gekürzt).
 

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