Glas: Kelchgläser

Kelchglas mit Cheruben-Darstellung

Böhmen, 1. H. 17. Jh.
FO: Lüneburg, Gr. Bäckerstr. 22 (Kloake)
H 16,0 cm; Ø Lippe 7,3 cm; Ø Fuß 6,7 cm; Gd. Lippe 1,9 mm
Farbloses Glas, bunte Emailfarben (dunkelrote Farbe z. T. korrodiert und verblasst).
Blattgoldauflage z. T. abgerieben. Geklebt und ergänzt.
 

Kelchglas mit Cheruben-Darstellung

Hochgezogener Fuß mit nach unten umgeschlagenem Rand. Doppelter massiver Nodus. Konische Kuppa, verdickte Lippe. 3 runde Gesichts-Applikationen aus farblosem Glas. Gold- und Emailmalerei: zuunterst gelbe und grüne Horizontallinie, zuoberst von 2 weißen Email-Punktreihen gesäumtes Blatt-gold-Band, Bildfeld mit 3 applizierten und bemalten Cherubgesichtern, über den Köpfen jeweils ein Flügelpaar mit verschiedenfarbigen Schwingen (weiß/rot, weiß/blau, rot/ blau). Farben: Weiß (Punktreihen, Federn), Gelb (Horizontallinie, Cherubhaare, Schulterstücke), Dunkelrot (Federn), Blau (Federn, Gesichtsrahmungen), Grün (Horizontallinie, Flora).

Glasgefäße mit teils gemalten, teils applizierten Cherub-Darstellungen sind äußerst selten. Die wenigen bislang bekannten Stücke sind vermutlich sämtlich im Verlauf des späten 16./frühen 17. Jahrhunderts in Böhmen hergestellt worden. Große Ähnlichkeit hat das Lüneburger Stück mit einem weiteren Kelchglas aus Pilsen, das in den Anfang des 17. Jahrhunderts datiert wird und vermutlich in einer südböhmischen Glashütte (Wilhelmsberger Hütte bei Gratzen) entstanden sein dürfte. Ein weiteres, vergleichbares Glas wurde aus einer Abfallgrube an der Kaasstraat 13 in Antwerpen geborgen. Auch dieses Kelchglas wird in das 17. Jahrhundert datiert und als möglicherweise böhmisches Produkt eingeordnet.
 

Kelchglas mit Frauenbüste, Fragment

Böhmen, 1. H. 17. Jh.
FO: Lüneburg, An der Münze (Einzelfund)
H max. 17,9 cm; Ø Fuß 7,6 cm; Gd. 1,2 mm
Farbloses Glas, bunte Emailfarben.
Blattgoldauflage abgerieben. Geklebt.
 

Kelchglas mit Frauenbüste

Hochgezogener und nach unten umgeschlagener Fuß. Doppelter massiver Nodus. Schlanke Kuppa. Emailbemalung: zuunterst je eine rote und grüne Horizontallinie, zuoberst von 2 weißen Email-Punktreihen gesäumtes Blattgold-Band, im Bildfeld eine Frauenbüste mit weisser Haube im blauen Kleid sowie Maiglöckchen-Blüten und verschiedene weitere Blüten und Blätter. Farben: Blau (Kleid), Weiß (Punktreihen, Haube, Blüten), Cremeweiß (Inkarnat), Gelb (Blüten, Haare), Dunkelrot (Horizontallinie), Grün (Blätter), Graubraun (Konturen). Die Darstellung einer Person im Halbprofil ist ein weitverbreitetes Motiv im 16. und vor allem im 17. Jahrhundert. Mit Porträtgläsern wurden insbesondere Adelige oder historische Persönlichkeiten als bedeutende Zeitgenossen verewigt. Aber auch im familiären Bereich gedachte man mit Hochzeitsbechern oder Willkommgläsern bestimmter Personen. Von der Glasgestaltung her weist das Porträtglas Übereinstimmungen mit dem Cheruben-Glas (s.o.) auf. Gerade die Form mit dem hochgezogenen Fuß und dem Doppelnodus gehört zu den Glastypen, die in böhmischen Glashütten gefertigt wurden. Somit ist auch für dieses Kelchglas als Provenienz Böhmen anzunehmen.

 
Autor: Peter Steppuhn; in: Glaskultur in Niedersachsen, 2003, 134 f. (gekürzt).
 

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