Glas: Kelchgläser

Kelchglas mit Christus-Darstellung

Süddeutschland oder Böhmen, 2. H. 16. Jh.
FO: Lüneburg, Auf dem Wüstenort (Kloake 4)
H 14,5 cm; Ø Fuß 9,3 cm; Ø Lippe 9,1 cm
Farbloses blasiges Glas mit leichtem Manganstich.
Farbloses blasiges Glas mit Gelbstich (Nodus und Scheiben).
Bunte Emailfarben und Goldblattauflage.
 

Im Verlauf der Grabungen „Große Bäckerstr. 26” im Juni 1991 wurde ein nahezu vollständig erhaltenes Kelchglas geborgen, das auf Grund seiner farblosen Glasmasse und des Dekors als wertvolles Stück einzuordnen ist. Das Gefäß mit trichterförmiger Kuppa, massivem Nodus zwischen zwei Scheiben und leicht ansteigender Fußplatte besteht interessanterweise aus zwei verschiedenen Glassorten. Während Fuß und Kuppa aus farbloser, leicht manganstichiger Glasmasse gefertigt wurden, weisen Nodus und Scheiben einen Gelbstich auf. Dies ist selten, aber nicht ungewöhnlich und liegt in der Produktionstechnik begründet. Vermutlich waren zwei Glasarbeiter mit der Herstellung des Glasgefäßes beschäftigt, die ihr Arbeitsmaterial aus verschiedenen Glashäfen im Ofen entnahmen.
 

Kelchglas mit Christus-Darstellung

Vorderansicht: Christus am Kreuz.            Rückansicht: Eherne Schlange.
 

Der Mündungsdekor des Glasgefäßes besteht aus einem 1,5 cm breiten Band aus blauen, weißen und gelben Emailpunkten, in das auf die Spitzen gestellte Goldblattquadrate eingelegt wurden. Unter diesem Dekor befindet sich das eigentliche Motiv, der gekreuzigte Jesus am T-förmigen Kreuz und gegenständig angebracht, ebenfalls am T-förmigen Kreuz, die Eherne Schlange. Zwischen diesen konturierten und detailreichen Darstellungen befinden sich Maiglöckchen mit kleinen Blüten und schmalen Blättern. Durch die Lagerung in der Kloake haben sich die Farben der Emailmalereien zum Teil verändert. Ansatzweise zu erkennen sind aber noch das Braun der Kreuze, das Inkarnat des Gekreuzigten, das Weiß der Schlange und der Maiglöckchenblüten sowie das Gelbgrün der Blätter und der Stängel.

Religiöse Motive auf Glasgefäßen gehören zum üblichen Motivvorrat mitteleuropäischer Glasmaler seit dem späten 13. Jahrhundert. Die hier gezeigte Gegenüberstellung des gekreuzigten Jesus und der sich um das Kreuz windenden Schlange begegnet uns bisweilen in Armenbibeln, ist jedoch auf Glasgefäßen selten. Das Motiv der Ehernen Schlange als Heil- und Lebenssymbol basiert auf einer Erzählung im Alten Testament, in der es um die Errettung des zweifelnden Volkes Israel aus der Wüste geht (4. Mose 21, 4-9). Gott fordert Mose auf: „Mache dir eine eherne Schlange und richte sie an einer Stange hoch. Wer gebissen ist und sieht sie an, der soll leben.” Jesus bezieht das Zeichen der Ehernen Schlange ebenso auf sich: „Gleich wie Mose eine Schlange erhöht hat, also wird auch des Menschen Sohn erhöht werden, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben” (Joh. 3, 14-16). Dem Glasmaler ging es also darum, dem Betrachter des Glases das Erlösungswerk Christi zu verdeutlichen.

Die Form des Kelchglases entspricht venezianischen Vorbildern der Zeit um 1550. Das Glas wird zwischen 1550 und 1600 in einer Glashütte nördlich der Alpen hergestellt worden sein, die à la façon de Venise arbeitete. Vergleichbare Glasgefäße sind für diesen Zeitraum aus Frankreich, Süddeutschland und Böhmen bekannt. Die Ausführung des Mündungsdekors und das Maiglöckchenmotiv machen die Entstehung in einer böhmischen Hütte jedoch am wahrscheinlichsten.

Autor: Peter Steppuhn; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2002, 28-30.
 

Literatur:
Gaynor, Suzanne: French Enameled Glass of the Renaissance, in: Journal of Glass Studies 33, 1991, 42-81.

Kühlborn, Marc: Ein Glas- und Keramikensemble der frühen Neuzeit aus Lüneburg, in: Archäologie und Bauforschung in Lüneburg 1, Lüneburg 1995, 67-68.

Ring, Edgar: Ein emailliertes Kelchglas aus einer Kloake in Lüneburg, in: Journal of Glass Studies 35, 1993, 153-155.

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