Glas: Kelchgläser à la façon de Venise

Kelchglas auf Löwenbalusterstiel

Innsbruck?, 2. H. 16. Jh.
FO: Lüneburg, Große Bäckerstraße 31 (Einzelfund)
H 10,8 cm; Ø Fuß 6,9 cm; Ø Löwenkopf 3,5 cm; Gd. 1,3 mm
Farbloses Glas mit deutlichem Graustich.
 

Kelchglas auf Löwenbalusterstiel

Fußplatte mit nach unten umgeschlagenem Rand. Wulstscheibe. Balusternodus mit länglichen Bucklungsreihen über und unter Löwenmasken sowie Girlanden mit Fünfpunktblüten. Kurzer Stab, Wulstscheibe unter Kuppaansatz. Teil der konischen Kuppa.
 

Modelgeblasene Löwenkopfbaluster gehen auf venezianische Vorbilder der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück. Dieser Dekor fand auch bald nördlich der Alpen großen Zuspruch, und seit der Mitte des 16. Jahrhunderts wurden sowohl in Norditalien selbst wie auch in Glashütten Mittel-und Nordeuropas bis nach England Löwenbaluster in großem Umfange hergestellt. Nach 1600 wurden Gläser mit Löwenmasken nur noch nördlich der Alpen produziert. Glashütten im Hils, Harz und Spessart belegen deren Herstellung noch in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Große Fundmengen solcher Gläser machen deutlich, dass Gläser mit diesem Dekor zur Massenware zählten. Das belegt ebenso die Schiffsladung des venezianischen Schiffes „Gagiana”, das vollbeladen - u.a. mit über 700 Löwenbaluster-Gläsern - im Jahre 1583 vor der jugoslawischen Adriainsel Gnaliç gesunken war. Der deutliche Graustich des Löwenglases von der Bäckerstraße lässt vermuten, dass das Glas in einer Innsbrucker Hütte während der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts hergestellt wurde, denn diese markante Tönung war eine Spezialität der dortigen Betriebe.
 

Vergoldeter Löwenbaluster

Antwerpen?, 3. V. 16. Jh.
FO: Lüneburg
H 7,4 cm; Ø Fuß 8,6 cm; Ø Löwenkopf 3,4 cm
Farbloses Glas mit minimalem Gelbstich. Stellenweise korrodiert.
 

Vergoldeter Löwenbaluster

Fußplatte mit nach unten umgeschlagenem Rand. Wulstscheibe. Kurzer Stab mit kleiner Scheibe. Balusternodus mit länglichen Bucklungsreihen über und unter Löwenmasken sowie Girlanden mit Fünfpunktblüten. Hauchdünne Blattgoldauflage, die jeweils etwa 2 Drittel der oberen und unteren Bucklungsreihe bedeckt. Kurzer Stab mit Abbruchkante.
 

Löwenbaluster mit Blattgoldauflage wurden nach venezianischen Vorbildern der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts u.a. in den südlichen Niederlanden und in Antwerpen hergestellt. Unser Glas zeigt besonders starke Ähnlichkeit mit einer Tazza, die in einer flämischen Glashütte produziert wurde. Vielleicht stammt auch das Lüneburger Stück aus dieser Region.
 

Spitzkelch auf Löwenbaluster

Niederlande oder England, um 1600
FO: Lüneburg, An der Münze (Einzelfund)
H 18,1 cm; Ø Fuß 6,9 cm; Ø Lippe 7,2 cm; Gd. 1,6 mm
Farbloses Glas mit gelbgrünem Stich. Diamantriss. Geklebt.
 

Spitzkelch auf Löwenbaluster

Leicht gewölbte Fußplatte mit nach unten umgeschlagenem Rand. Schmale Scheibe. Balusternodus mit länglichen Bucklungsreihen über und unter Löwenmasken sowie Girlanden mit Fünfpunktblüten. Kurzer Stab, schmale Scheibe unter Kuppaansatz. Spitzkonische Kuppa. Diamantriss auf dem Fuß: Bogen- und Wellenlinien radial um Stielansatz. Diamantriss auf der Kuppa: Schraffierte Kreise und Lanzetten, darüber Kettenborte. Blumenvries mit schraffierten Blüten, darüber Kettenborte. Zuoberst schraffierte Blüten- und Lilienformen. Lippe kaum verdickt.

Die hohe, spitzkonische Kuppa war gegen Ende des 16. Jahrhunderts vor allem in Glashütten hergestellt worden, die nördlich der Alpen à la façon de Venise arbeiteten. So gibt es Hinweise auf eine Produktion von Gläsern mit Spitzkelch auf Löwenbaluster aus der Manufaktur im niederländischen Middelburg auf Walcheren. Vielleicht ist das Lüneburger Glas aber auch in England entstanden. In diese Richtung weist ein Spitzkelch aus dem British Museum in London, der ähnliche Diamantriss-Verzierungen an Kuppa sowie Fuß aufweist und für den eine englische Provenienz erwogen wird.

 
Autor: Peter Steppuhn; in: Glaskultur in Niedersachsen, 2003, 120-123 (gekürzt).
 

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