Glas: Varia

Zwei Glättgläser

a) Große Bäckerstr. 27 (Kloake)
H 3,9 cm; Ø 8,9 cm
dunkelgrünes Glas, geklebt.
 

b) Grapengießerstr. 7-8 (Einzelfund)
H 3,3 cm; Ø 8,6 cm
hellgrünes Glas, getrübt, verwittert, geklebt.
 

Glättgläser

Massive Glättgläser mit nach rechts abgedrehter Heftmarke.
Lineare sowie konzentrische Schleif- und Kratzspuren.
15. bis 18. Jh.
 

Massive Glasobjekte in Form eines halbrunden Brötchens sind als Glättgläser, Gniedel- oder Glättsteine bekannt. Sie bestehen aus hell- bis dunkelgrünem oder dunkelgrünbraunem, fast schwarzem Glas. Andere Namen für Glättgläser (u.a. Glättsteine aus Glas, Gnittel- oder Gniwwelsteine, Gnied-, Gniedel- oder Gliersteine) belegen der Gebrauch dieser Stücke zum Glätten und/oder Reiben (das niederdeutsche „gniden” bedeutet sowohl „reiben” als auch „glätten, plätten”). Häufig zu beobachtende starke Abnutzungshinweise auf den konvex gewölbten Oberseiten in Form von Schleif- oder Kratzspuren stammen nicht von den Fasern des Stoffes, sondern von Sandkörnern, die sich beim Waschen der Stoffe an Flüssen und Bächen in den Kleidungsstücken absetzten und so feine Spuren auf den Glättgläsern hinterließen. Durch die Behandlung der Textilien wurden Kleidungsstücke, insbesondere Säume, Borten, Manschetten und Kragen sowie Strümpfe, Blusen und Hauben geglättet und erhielten damit einen seidigen Glanz. Mit dem „Einbügeln” von Wachs konnten die Stoffpartien zudem imprägniert werden.

Neben der primären Nutzung bei der Textilverarbeitung werden die massiven Geräte wohl auch für das Glätten von Papier, Leder und Metall gebraucht worden sein. Weiterhin ist anzunehmen, dass Glättgläser ebenso in der Küche beim Zerreiben von Kräutern, Samen und Gewürzen Verwendung fanden. Die ersten Glättgläser sind bereits seit dem 2. und 3. Jahrhundert aus England, den Niederlanden und der Schweiz bekannt und - mit einem Schwerpunkt in der Zeit zwischen etwa 800 und 1500 - bis in das 20. Jahrhundert hinein in Gebrauch gewesen. Damit ergibt sich für dieses „Universal-Haushaltsgerät” eine Kontinuität des Gebrauchs von etwa 1800 Jahren. Das Hauptverbreitungsgebiet der Glätter beschränkt sich auf das westliche Skandinavien und das nordwestliche Mitteleuropa, während für Süd- und Osteuropa nur vereinzelt Funde zu verzeichnen sind.

Für die Herstellung der gläsernen Glättinstrumente war keine besondere Kunstfertigkeit gefordert. Die Geräte konnten in einer einteiligen offenen Form abgedreht werden; die Heftmarke wurde leicht versenkt, damit deren scharfe Kanten die Stoffe nicht beschädigen konnten. In der späten Neuzeit blieben Glättgläser, nachdem sie größtenteils durch eiserne Bügeleisen, Mangel und Stärke verdrängt worden waren, noch als Stopfsteine oder Briefbeschwerer mit eingelegten Dekoren („paperweights”) in Gebrauch.

Massive Gniedelsteine ohne Stiel fanden sich bei archäologischen Untersuchungen deutlich öfter als solche mit Stiel. Die Lüneburger Exemplare sind nur grob in das 15. bis 18. Jahrhundert zu datieren, da sich die Form der Glätter, ähnlich anderen funktionsbedingten Glasobjekten, kaum verändert hat.

 
Autor: Peter Steppuhn; in: Glaskultur in Niedersachsen, 2003, 15 u. 182 f. (gekürzt).
 

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