Glas: Becher: Berkemeier

Berkemeier

Deutschland, 1. H. 16. Jh.
FO: Lüneburg, Streufund
H 8,3 cm; Ø Fußring 5,6 cm; Ø Lippe ca. 9,0 cm
Grünes Glas mit Graustich. Geklebt.
 

Berkemeier

Angesetzter, 21fach herausgekniffener Fußring. Boden leicht hochgestochen. Am Schaft 2 versetzte Reihen zu je 7 nach oben gerichteten Nuppen, wobei eine Nuppe in der oberen Reihe ausgebrochen ist. Sehr dünner Halsfaden. Lippenrand kaum verdickt.
 

Der Berkemeier gilt mit seiner konisch ausladenden Wandung, die vom Fuß bis zur Lippe nahezu geradlinig verläuft, als Nachfahre des spätmittelalterlichen Krautstrunks und Vorfahre des neuzeitlichen Römers. Auch wenn der Berkemeier seinen bestimmten Platz in der Entwicklung zum Römer einnimmt, gibt es doch lange Zeiträume der Überschneidungen mit seinen Vor- und Nachfahren. Der früheste Beleg für diesen Typ kam aus einem Brunnenschacht in Eichstätt zutage, dessen Fundmaterial in die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts datiert wird. Dagegen sind auf einem Gemälde von Pieter Claesz („Stillleben mit Gläsern und geschälter Zitrone”, datiert 1641) sowohl ein später Berkemeier mit abknickender, gerader Kuppa als auch ein Römer mit runder Kuppa zu sehen. Der Typ Berkemeier ist in seiner „klassischen”, oben beschriebenen Ausführung gut 80 Jahre, in der späteren Variante mit abknickendem Oberteil fast eben so lange, insgesamt also über 150 Jahre mit nur geringen Abweichungen hergestellt worden und in Gebrauch gewesen. Beliebt war das vornehmlich für den Weingenuss bestimmte Trinkgefäß insbesondere in den Niederlanden und in Deutschland, worauf eine lange Reihe zeitgenössischer Abbildungen und Tausende von Glasfragmenten aus archäologischen Kontexten hinweisen.
 

Fünf kleinere Berkemeier und frühe Römer

Deutschland, um 1600
FO: Lüneburg, Lünertorstraße 4 (Kloake)
H 3,4-5,8 cm; Ø Fußring 3,8-4,8 cm.
Grünes Glas. Zum Teil korrodiert.
 

Berkemeier und frühe Römer

Teils gekerbte, teils gewickelte Standringe. Hohlschäfte mit zwei oder drei versetzt angeordneten Reihen von nach oben gerichteten Nuppen, Halsfaden am Ansatz zur Kuppa.
 

Die fünf zu einem Fundkomplex gehörenden Glasgefäße machen deutlich, dass verschiedene Ausführungen eines Becher-Typs offensichtlich zur gleichen Zeit benutzt wurden. Der Übergang vom Berkemeier mit gerader, konisch ausladender Wandung zu den frühen Römern mit gerundeter Kuppa ist fließend, was sich bei diesem Ensemble gut nachvollziehen lässt. Darüber hinaus belegen zeitgenössische Gemälde mit Darstellungen von Berkemeiern und Römern innerhalb derselben Szene, dass die Ablösung der Berkemeier durch die Römer nicht abrupt erfolgte.
 

Willkomm-Berkemeier, Fragment

Norddeutschland, 2. H. 17. Jh.
FO: Lüneburg, Auf dem Wüstenort (Kloake 4)
H 14,9 cm; Ø Lippe 14,1 cm, Ø Nuppen 4,6-5,9 cm.
Dunkelgrünes Glas. Kleine Korrosionsflecken.
Geklebt und ergänzt.
 

Willkomm-Berkemeier

Teil des Schaftes und Oberteil eines sehr großen Glasgefäßes. Unterhalb des abknickenden Oberteils eine Reihe mit vier runden bis ovalen aufgesetzten Nuppen. Geradliniger Wandungsverlauf des Oberteils. Lippe nicht verdickt.
 

Das wuchtige Glas ist in die Reihe der sogenannten Willkomm-Gefäße einzuordnen, die im Verlauf des 17. Jahrhunderts beliebt wurden. Solche überdimensionierten Gefäße dienten der Repräsentation; aus ihnen wurde bisweilen in großer Gesellschaft getrunken, um Einheit und Eintracht zu demonstrieren. Für das Lüneburger Exemplar ist eine ehemalige Höhe von etwa 18 bis 20 cm anzunehmen. Die ursprüngliche Gestalt ist aus den „normalen”, deutlich kleineren Gläsern dieses Typs zu rekonstruieren. Die Form des Berkemeiers als Willkomm-Glas ist selten, die 15 bis 23 cm großen Stücke aus Darmstadt, Hamburg und Amsterdam veranschaulichen, wie das Lüneburger Exemplar ausgesehen haben könnte. Willkomm-Römer mit einer Höhe von bis zu 44 cm sind dagegen nicht ungewöhnlich. Obgleich die Form des Berkemeiers seit der 1. Hälfte des 16. Jahrhunderts geläufig ist, wird es sich bei diesem Exemplar nicht um ein Stück aus dieser Zeit handeln. Die Form dieses Typs ist auf zeitgenössischen Gemälden bis in das letzte Viertel des 17. Jahrhunderts hinein zu verfolgen, und auch der Lüneburger Becher wird in diese späte Phase gehören. Ebenso sprechen die qualitätvolle Glasmasse und die dunkelgrüne Farbe dafür, dass es sich eher um ein Produkt aus der 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts handelt.

Autor: Peter Steppuhn; in: Glaskultur in Niedersachsen, 2003, 66-69 (gekürzt).
 

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