Niederländische Majolika

Antwerpen - Lüneburg. Der Import von Malling jugs

Majolika
Niederlande / Antwerpen
2. Hälfte 16. Jahrhundert

Bei der Ausgrabung einer Kloake auf der Parzelle Am Ochsenmarkt 1 wurde 1988 ein kleines Gefäß geborgen, das durch seine blaue Oberfläche auffällt. Über dem flachen Boden ist das Gefäß leicht eingezogen. Am rundlichen Bauch ist ein Henkelansatz zu erkennen. Bauch und Hals werden durch eine kleine Leiste getrennt. Der Rand ist nicht erhalten. Das Gefäß ist innen und außen mit einer Zinnglasur überzogen, die Glasur ist innen weiß, während außen die Glasur fast homogen blau erscheint. Die erhaltene Höhe beträgt 9,4 cm, der Boden hat einen Durchmesser von 6,3 cm, der maximale Umfang des Gefäßes beträgt 8,9 cm.

Mulling jug, blau

Im Sommer 2005 konnte aus einer Kloake auf einer Baustelle „An der Abtspferdetränke” ein Gefäß geborgen werden, das zwar größer als das gerade vorgestellte, in seiner Grundform aber vergleichbar ist. Auch dieses Gefäß ist über dem flachen Boden leicht eingezogen und besitzt zwischen Bauch und Hals eine Leiste, seine Grundform ist aber nicht rundlich, sondern eher ovoid. Am stärksten unterscheidet es sich aber durch seine Farbe auf der Außenseite. Es ist braun mit weißer Sprenkelung, innen aber weiß. Die Glasur ist eine Zinnglasur. Der Rand ist ebenfalls nicht erhalten, knapp über dem Umbruch des Gefäßbauches ist der Ansatz eines Henkels zu erkennen. Das Gefäß ist 12,4 cm hoch, der Boden hat einen Durchmesser von 7,9 cm, der maximale Umfang des Gefäßes beträgt 11,1 cm.

Mulling jug, braun

Diese Gefäße sind „Malling jugs”, benannt nach einem Krug, der sich in der Kirche von West Malling in Kent / England befand und 1903 verkauft wurde. Heute befindet er sich im British Museum in London. Dieser Malling-jug besitzt eine vergoldete Silbermontierung an Rand, Bauch, Fuß und Henkel und hat einen Silberdeckel. Außen ist er mit einer braunen Zinnglasur mit weißer Sprenkelung überzogen. In britischen Museen gibt es eine Reihe von Malling jugs mit Silbermontierung, die zwischen 1549 und 1582 datiert sind. Diese Krüge sind außen braun, blau oder violett glasiert.

Lange nahm man an, dass diese Gefäße in England produziert wurden. Mittlerweile sind zahlreiche Funde in den Niederlanden bekannt. Jüngste Ausgrabungen in Antwerpen und naturwissenschaftliche Untersuchungen belegen die Produktion von Malling jugs in dieser Stadt in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Zunächst wurden Malling jugs in einer runden, im späten 16. Jahrhundert in einer ovoiden Form getöpfert.

Während des 16. Jahrhunderts entwickelte sich die Stadt Antwerpen zu einem Handelszentrum, das mit anderen europäischen Städten durch das Entstehen einer globalen Ökonomie verknüpft war. Gewürz- und Silberhandel, Buchdruck und die Herstellung von Luxusgütern verhalfen der Stadt zu einer Blüte. Zu den Produkten des Antwerpener Handwerks zählen auch Majolika und Glas. Während die Produktion von Glas in venezianischem Stil - verre cristallin l´instar de Venise - seit 1537 in der Stadt belegt ist, gibt es Hinweise, dass bereits Anfang des 16. Jahrhunderts Töpfer aus Italien Majolika vor Ort herstellten. So ist überliefert, dass Guido da Savino aus Castel Durante in der Toskana die Technik der Zinnglasur in Antwerpen einführte. Seit 1508 ist er unter dem Namen Guido Andries in der Stadt nachweisbar. Majolika ist eine Irdenware, die mit einer Zinnglasur versehen wurde. Die opake weiße Oberfläche ist eine ideale Basis für insbesondere farbige Dekoration.

Bisher sind nur wenige Malling jugs außerhalb der Niederlande und Großbritannien bekannt. In Deutschland wurde je ein Exemplar in Lübeck, Greifswald, Rostock und Göttingen gefunden.

Das Auftreten von Malling jugs in Lüneburg verwundert nicht. Im 16. und 17. Jahrhundert bestanden enge Handelsbeziehungen zu den Niederlanden, die sich besonders anhand der archäologischen Funde nachweisen lassen. Der kleinere, blaue Malling jug stammt aus einer Kloake auf dem Grundstück der einflussreichen und vermögenden Familie Witzendorff, die in den 60er Jahren des 17. Jahrhunderts ihr Haus Am Ochsenmarkt 1 (Heinrich-Heine-Haus), direkt neben dem Rathaus, neu errichten ließ. Das zweite Gefäß wurde auf dem ehemaligen Grundstück „Am Berge 48” gefunden. Dort erbaute Caspar Töbing 1566 ein Grobbackhaus, das er bis 1581 besaß. Anschließend war es über mehrere Generationen im Besitz von Brauern.

Die Majolikakrüge belegen erneut den Konsum von Luxusgütern in der Blütezeit Lüneburgs im 16. Jahrhundert.

Autor: Edgar Ring; in: Denkmalpflege in Lüneburg 2005, 35-37.
 

Literatur:
Ring, Edgar: Luxuriöses Tafelgeschirr aus Antwerpen. „Malling jugs” in Lüneburg. In: Archäologie in Niedersachsen 2006, 158-159.

Veeckman, Johan: Majolika and Glass. From Italy to Antwerp and beyond. The Transfer of Technology in he 16th - Early 17th Century. Antwerpen 2002.

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